Wie handelt Gott in der Welt?

Das Grundgebet der Christenheit ist ein Bittgebet, an dessen Wortlaut der Beter die integral-konstitutiven Elemente seines Glaubens ablesen kann. Es wird um Gottes, nicht des Menschen Willen gebeten, um des Vaters, nicht des Volkes Reich. Christoph Böttigheimer untersucht in seiner fundamentaltheologischen Analyse die rationale Verantwortung des Bittgebets und prüft somit den Ernstfall des Glaubens, impliziert doch das Bittgebet einen latenten Mangel, dessen Erhörung und Behebung von Seiten Gottes erwartet wird; soweit die Theorie. Praxis und Wissenschaft verkünden jedoch andere Töne, auf die der Fundamentaltheologe jeweils in Form von Anfragen und Antwortversuchen Bezug nimmt. Speziell die mangelnde Erfahrbarkeit des göttlichen Handels affiziert das Bitt-Gebet mit einem „Nutzlosigkeitsverdacht“. Dies kann zur Folge haben, dass die daraus resultierende Glaubenskrise, der Autor spricht von einem „Dilemma“, einen Glaubenskollaps bedingt, an dessen Schlusspunkt das Ende des (subjektiven) Theismus stehen könnte, der wiederum den Deismus und einen praktischen Atheismus fördert. In der gegenwärtigen kirchlichen Verkündigung wird darauf, so der Autor, kaum Bezug genommen.

Böttigheimer beweist im Verlauf des Buches neben philosophischen, naturwissenschaftlichen sowie theologischen Einwänden gegen das Bittgebet auch einen pastoraltheologischen Ansatz, der zuerst in einer Gottesvorstellung lokalisiert wird, deren transzendentale Eigenschaften in Disharmonie zur göttlichen Wirklichkeit stehen. Die schweigende Abwesenheit Gottes ist nicht nur eine theologische Anfrage an den Menschen, sondern auch der „Hebelpunkt des Atheismus“ und zugleich der Spannungsbogen zwischen Transzendenz und Anthropomorphismus. Bereits Fichte konstatierte in seinem Atheismusstreit die Gefahr, durch menschliche Vorstellungen Gott kleiner oder sogar endlich zu denken, weshalb der Idealist Gott nicht als „Person“ verstanden wissen wollte. Böttigheimer nimmt diesen Gedanken auf, spricht vom „transpersonalen Göttlichen“ (55) und versucht dementsprechend das Gebet als „Zwiegespräch“ zwischen den Personen Gott und Mensch mit einer pneumatologischen Dimension anzureichern, wodurch die Gefahr eines selbstreflektierenden, religionspsychologischen Gesprächs gebannt scheint.

Wenn nun Gottes Geist Subjekt des/unseres Betens ist, das Zuhören Gottes (39-72) garantiert scheint, bleibt dennoch die Frage nach dem Handeln Gottes (73-108) angesichts seiner Ohnmächtigkeit im 20. Jahrhundert unbeantwortet. Der Autor begegnet den omnipotenten Eigenschaften Gottes, die er nicht abstrakt, sondern als „Beziehungsmacht“ in Güte und Liebe (84) interpretiert. Stellt sich der Beter in diese Relation, gibt er Gott Raum, erwartet er kein „interventionistisches Eingreifen Gottes in innerweltliche Abläufe“, bewirkt das Gebet durch die Konfrontation mit der eigenen Kontingenz jene Veränderung, wodurch eine „Indienstnahme“ von Seiten Gottes (98) ermöglicht wird. Trotz dieses therapeutischen Ansatzes steht der Wille Gottes (109-134) unter dem Fragezeichen der Geschichte.

Neben der Güte Gottes fokussiert der Fundamentaltheologe auch dessen Affizierung (135-162) und bringt somit die antik-metaphysischen Axiome der Immutabilität ins Gedankenfeld. In diesem Kontext plädiert der Autor, göttliche Prädikate nicht als Omni-Prädikate (144) zu umschreiben, sondern deskribiert einen „offenen Theismus“ und eine „offene Geschichte“. Die Schöpfung als Abbild bekundet inhärent das „Risiko“, gegen Gottes Willen zu handeln, die menschliche Autonomie auszuspielen. Dadurch habe Gott freiwillig seine Allmacht eingeschränkt. Gottes providentia ist eine „relative“ Vorsehung. Diese Relation von zwei freien Handlungssubjekten impliziert, dass „vor dem Hintergrund menschlicher Freiheit die Zukunft von Gott weder determiniert noch vorhergesehen werden kann“ (165).

Böttigheimers anthropologischer Lösungsansatz liefert Denkanstöße im Bereich der Gebets-Katechese, widerspricht aber klar den Glaubensbekenntnissen der Urkirche. Einerseits versucht der Theologie die Negierung der vertikalen Glaubensdimension zu verhindern, andererseits die problematische Dramatik einer unreflektierten Bittgebetstheologie nicht wegzuspiritualisieren. Offene Fragen gilt es auch in diesem Buch auszuhalten.

Florian Mayrhofer

Böttigheimer, Christoph: Sinn(losigkeit) des Bittgebets. Auf der Suche nach einer rationalen Verantwortung, Herder 2018, 181 Seiten, € 20,- ISBN: 9783451382789

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.