Der feiernde Olymp

Die alten Götter waren tot, jene heiteren, deutlichen und liebenswerten Götter, die man so gern verehrt hatte, weil man wußte, auch in ihren Seelen wohnten der Regungen einige, die den Menschen zu einem Gott und Gott zu einem Menschen machten.

Mit diesem Satz beginnt Wolf von Niebelschütz (1913-1960), Sohn eines Kunsthistorikers aus böhmisch-schlesischem Uradel, sein Opus magnum „Der Blaue Kammerherr. Ein galanter Roman“. Dieses mitten im Zweiten Weltkrieg verfasste, 1949 erschienene, 1000 Seiten umfassende Epos passt so gar nicht in die Kahlschlags-, Wohnküchen-, Heimkehrer- und Trümmerliteratur der Bundesrepublik, die von der Gruppe 47 und ihren intellektuellen Exponenten Böll und Grass dominiert wurde. Der Roman, der sich in Aufbau und Stil mit Thomas Manns Joseph-Tetralogie oder dem „Felix Krull“ vergleichen lässt, entführt den Leser in das Jahr 1732: in die spätbarocke höfische Welt eines fiktiven ägäischen Inselreiches namens Myrrha. Es nimmt in Ritus und Zeremoniell starke Anleihen an das Versailles Ludwigs XV. und vor allem an die Serenissima, die Republik Venedig. Es handelt sich also – von deutscher Perspektive – um ein mediterranes Arkadien, einen Sehnsuchtsort heiterer Sinnlichkeit mit strahlend azurblauem Himmel. Niebelschütz lässt keinen Pinselstrich aus: Die absolutistische Residenz ist eine Mixtur aus europäischen Herrenhäusern des Barock, und auch stilistisch bemüht sich der Autor, die galante Gefälligkeit eines Tiepolofreskos oder die zarten, pastellig-roséfarbenen Töne eines Fragonard Literatur werden zu lassen: Das Werk strotzt vor preziösen, teilweise prätentiösen Manierismen, Kapitelüberschriften wie: „Vierzehntes oder Das Cardinals-Capitel. Prinz Colonna knifft mehrmals den pittoresquen Mundwinkel“ lassen ungefähr die Detonation amüsierlich-barocker Schwülstigkeit erahnen, mit der Niebelschütz, nicht ohne Selbstverliebtheit in das eigene sprachliche Können, seine Leser zu überziehen gedenkt. Insofern unterscheidet er sich klar von anderen konservativen Literaten seiner Zeit, etwas Hans Carossa, Werner Bergengruen oder Reinhold Schneider, die alle einen wesentlich ernsteren, zurückgenommeneren Ton anschlugen.

Das kunstvolle sprachliche Blattwerk, inspiriert von einem Operettenfragment Hugo von Hofmannsthals für Richard Strauss, rankt sich um die Hauptfigur des Romans, die 16-jährige ebenso schöne wie eigensinnige Kronprinzessin Danae. Diese soll von ihrem Vater, dem König Alphanios, verheiratet werden, damit der drohende Staatsbankrott abgewendet wird. Niemand geringerer als der Göttervater Zeus macht der Schönen Avancen. Doch sie weist ihn, der sich ihr in Gestalt eines Kammerherrn nähert, ab – und dies hat, wie schon in der Antike, schlimme Folgen für das gesamte Königreich.

Ist der Roman für Theologen überhaupt interessant? Unbedingt! Denn nur vorderhand liegt bei Niebelschütz reaktionärer Eskapismus vor. Dieser Vorwurf ist ihm vom Feuilleton des Nachkriegsdeutschland (inclusive einem „Spiegel“-Verriss) natürlich gemacht worden – nicht ganz zu Unrecht: Niebelschütz betont in seinem Roman deutlich seinen Abstand zum 20. Jahrhundert, verherrlicht das geschlossene, feudalaristokratische Weltbild und auch die Frivolität des Lebens vor 1789, getreu dem wehmütigen Ausspruch des Charles-Maurice Talleyrand-Périgord: „Ceux qui n’ont pas connu l’ancien régime ne pourront jamais savoir ce qu’était la douceur de vivre“. Doch bei genauerem Hinsehen merkt man die geschichtsphilosophische Differenziertheit der Romanwelt. Niebelschütz ist alles andere als ein platter Traditionalist. Denn der Zerfall, die Dekadenz, ist auch im Rokoko schon allenthalben zu spüren, die Geschlossenheit des Weltbildes wird ständig ironisch gebrochen, politische Ränke, Rankünen und Machinationen bedrohen die Geschlossenheit gleichfalls. Die Bastion eines gegenreformatorisch gefestigten Absolutismus ist im Rokoko gleichsam schon unterspült, ausgehöhlt. Niebelschütz versteht es ebenso geschickt, die Aufklärungsphilosophie darzustellen, wie er pagane Götter und das Christentum gleichzeitig auftreten läßt. Am christlichen Glauben mit seinen Zumutungen, an der Torheit des Kreuzes, hat sich Niebelschütz sichtlich abgearbeitet (so auch in seinem 1959 erschienenen Werk „Die Kinder der Finsternis“, das im provenzalischen Mittelalter spielt). Er spielt dauernd auf ihn an. Die bereits in der Renaissance häufig anzutreffende Vermengung von Christentum und Heidentum wird von Niebelschütz in einer merkwürdigen Melange ins 18. Jahrhundert transloziert. Sein (trauriges?) Fazit könnte lauten: Europa ist nie völlig frei gewesen vom Heidentum, war nie wirklich christlich. Die Republik Venedig ist im 18. Jahrhundert keine Seemacht mehr, sondern nur noch die Inszenierung ihrer selbst, die schaumgeborene Venus Virgo, Theater-, Musik- und Kulturhauptstadt, Wirkungsstätte Vivaldis, auch modrig-fauliger, moralisch fragwürdiger Schauplatz der Liebeshändel Casanovas, der englische Edelmänner auf ihrer Grand Tour zu Abenteuern lockt.

Der Roman evoziert insgesamt eine Welt des Abschiedes, des Unterganges, ist von leiser Melancholie umhaucht – und ist daher ein Spätestausläufer der Literatur des Fin de siècle: Die pudrige, moralisch depravierte Künstlichkeit des Rokokozeitalters ist selber ein fragiles Gebilde ohne Festigkeit und Dauer, so sehr die vorrevolutionäre „douceur de vivre“ auch zu locken vermag. Sie muss in die revolutionären Umwälzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts führen. Schließlich ist der Roman ein Beispiel dafür, wie Literaten im 19. und 20. Jahrhundert auf die säkularisierte Moderne künstlerisch reagierten: Die einen revolutionär, avantgardistisch, formzertrümmernd, die anderen (wie Niebelschütz oder Rilke, George, Hofmannsthal, Trakl, Thomas Mann) einen elegischen, hermetischen, pontifikalen Duktus verfolgend, einen unbedingten Willen zur Kunst.

Wer den Säkularisierungsprozess nach 1789 verstehen will, kann dies nicht ohne Kenntnisse des 18. Jahrhunderts tun. Dieses Stimmungsbild in Form eines opulenten spätbarocken Prunkgehänges in allen Facetten oder (wie man heute sagen würde) Diskursen – künstlerisch, sprachlich, philosophisch, theologisch, politisch-gesellschaftlich, amourös – ironisch gebrochen in literarischer Meisterschaft zu Papier gebracht zu haben, ist bleibendes Verdienst des Autors.

Eugenius Lersch

Niebelschütz, Wolf von: Der blaue Kammerherr. Galanter Roman in vier Bänden, Kein & Aber 2010, 1147 Seiten, € 29,90 ISBN: 978-3036955605

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