Das Wort Gottes verkosten

Zu Lebzeiten in die Reihe der „Christlichen Meister“ aufgenommen zu werden, diese Ehre wird nicht jedem Theologen zu teil. Dass sich dem emeritierten Papst vier der letzten zehn Nummern einer von Hans Urs von Balthasar gegründeten Serie widmen und Ratzinger nun zwischen Augustinus, Origenes, Albertus Magnus und Ambrosius steht, verstärkt den Verdacht noch weiter: hier spricht wirklich ein Meister, der lieber als „einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“ gelten will.

Die Worte der Heiligen Schrift sind der cantus firmus in Benedikts Predigten, Ansprachen und Enzykliken. Das lebendige Wort hat ihre Mitte in der Verkündigung des Theologenpapstes. Auch sein Lehramt atmet biblisches Gedankengut, ist von katechetischem Charakter mit theologischem Tiefgang geprägt. Obwohl Ratzingers akademischer Werdegang in der Dogmatik grundgelegt ist, gilt der Papa emeritus als exegetischer Theologe. Daher stehen Tiefe und Weite der Theologie nicht im Widerspruch, sondern sind Wege zur Gotteserkenntnis, die er vornehmlich, so hat es in diesem Band den Anschein, in der lectio divina, in der geistlichen Schriftlesung, erworben hat. In elf zusammengestellten Lektionen meditiert der Hl. Vater die Schrift und bezeugt, dass erst im betenden Lesen der Schrift Gott Stimme offenbar wird. Eine fundierte Hinführung zur geistlichen Schriftlesung bei Benedikt XVI. ist den Passagen vorangestellt, ebenso der jeweilige Kontext. Die Perikopen sind bis auf eine Ausnahme (Ps 119) dem Neuen Testament entnommen und hatten Priesteramtskandidaten der römischen Diözese sowie Bischofssynoden als Adressaten. Bereits der erste Abschnitt zur freudvollen Verheißung in 2 Kor 13,11 macht deutlich, dass hier keine exegetische Fertigkost dargeboten wird. Benedikt XVI. vermittelt seinen Zuhörern die Welt der unterschiedlichen Schriftsinne. Er regt zum Nach-denken an. Im vorliegenden Florilegium wird seine Hirtensorge hörbar; sie gleicht einem religiösen Alphabetisierungsprogramm. Wie bei Bernhard von Clairvaux, auf den er mehrfach Rekurs nimmt, sind seine Ausführungen und persönliche Gedanken harmonisch mit den Worten der Heiligen Schrift verwoben. In Zeiten des inflationären Wortgebrauchs muss der Christ die Festigkeit und Ewigkeit des Gotteswortes erkennen, daran festhalten. „Herr, dein Wort bleibt auf ewig, es steht fest wie der Himmel.“ (Ps 119,89) Erst wenn die materielle Vergänglichkeit als zweitrangige Wirklichkeit aufleuchtet, erkennt der Mensch die universelle Weite des göttlichen Wortes, das uns nahe ist (2 Kor 13,11). Das Hören des Wortes entspricht des Menschen Geschöpflichkeit, seine Freiheit muss immer mit der Wahrheit korrelieren.

Je mehr der Mensch in der Wahrheit bleibt, desto mehr Früchte entspringen seinem Leben. In Jesus wird Gott selbst die Wurzel und der Stamm des Weinbergs, um das Fruchtbringen zu erleichtern, um in Gott verwurzelt zu bleiben. Beten ist nach Benedikt XVI. ein Prozess der Reinigung, auch unserer Gedanken und Vorstellungen von Gott. Einen weiteren Schwerpunkt der Betrachtungen bilden die Eucharistie und das Priestertum. Als Mittler und Brücke muss der Gottesmann immer zum Sakrament zurückkehren. Das charismatische Amt des Priesters beginnt mit dessen Berufung, sein ganzes Leben ist Antwort auf diesen Ruf. Umkehr zur Wirklichkeit steht im Fokus des Dienens. Ohne weiteres lassen sich diese Gedanken auf jeden Christen anwenden, denn Taufe und Priestertum wurzeln im selben Ursakrament. Die letzte Meditation ist mit „Unser Erbe“ betitelt und erläutert die Anfangsverse des 1. Petrusbriefes. Drei Tage nach dieser Ansprache erklärte der Pontifex seinen Verzicht auf das Petrusamt. Dabei kreist er um die Themata von „Erwählung“ als Privileg und Demütigung, der Bezogenheit Petri als „persona Ecclesiae“ und der Zukunft, die Gott gehört. Retrospektiv offenbart diese Meditation das Ringen mit dem Wort Gottes (Gen 32,27) und die Tatsache, dass Gott im Lesen der Heiligen Schrift immer wieder das Schweigen durchbricht.

Florian Mayrhofer

Benedikt XVI.: Geistliche Schriftlesungen. Johannes Verlag 2. Auflage 2015, 196 Seiten, (= Christliche Meister 58), € 12,- ISBN: 978-3894114220

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