Was hat das Christentum Gutes gebracht?

Mit seinem Epochenwerk „Toleranz und Gewalt“ setzte Arnold Angenendt im Jahr 2007 unkonventionelle Ansätze für eine neue Rezeption der Geschichte des Christentums. Ausgehend vom gewaltigen Vorwurf Jan Assmanns, zwischen Monotheismus und Gewalt bestünde eine katalysatorische Affinität, analysiert der Kirchenhistoriker Angenendt dieses Theorem und vermochte entscheidende Teile zu falsifizieren, indem er u.a. Ansätze der französischen Annales-Schule in die deutsche Kirchengeschichtsschreibung integrierte. Trotz geschichtlicher Gewaltausbrüche trage das Christentum den Keim der Toleranz durch die Epoche, eine „uhrwerksartige Unruhe, die zur Freiheit drängt“ (Peter Blickle). Der vorliegende Band destilliert auf Handbuchniveau das instrumentum pacis christianorum, das Weizen-Unkraut-Gleichnis, als Leitmotiv kirchlicher Rechtsauffassung in den jeweiligen Epochen. Auf Basis der konkretisierenden Exegese Jesu oktroyiert diese Parabel einen eschatologischen Vorbehalt, das Unkraut, die Irrlehre, den Frevel nicht eigenmächtig zu vertilgen. Separation und Bestrafung gebührt der Perikope folgend alleine Gott. Bereits die Pionierarbeit Joseph Lecler (Geschichte der Religionsfreiheit) hält fest: „Das Gebot, das Unkraut bis zur Ernte wachsen zu lassen, bedeutet das Verbot jeglicher körperlicher Gewaltmaßnahmen und vor allem der Todesstrafe.“

Angenendt setzt nach religionsgeschichtlichen Befunden im alttestamentlichen Israel an und zeichnet ein stetiges, jedoch nicht abgeschlossenes Gewaltgefälle nach. Wenngleich von virulenten Ereignissen gespickt, verdeutliche das AT stetige Transformationen von Willkür zum „heiligen“ Gotteszorn: mit ethischer und pädagogischer Konnotation bis zur Selbstreflexion der Exilspropheten. Christi Evangelium vom barmherzigen Vater knüpft an diesen Faden an und weist den Weg zum eschatologischen Vorbehalt. Das salomonische Urteil im Götzenopferstreit charakterisiert den Hitzkopf Paulus als überaus tolerant. Paulinische Anathemata stehen dem nicht entgegen, sondern sollen einen Umdenkprozess ermöglichen. Die wahre Macht des Christentums ist die Überzeugungskraft des Wortes, das selbst zum Diener geworden ist und dadurch die „Sakralisierung der Menschenwürde“ (49) offenbarte. Bis zum Ende des 1. Jahrtausends garantierte die wörtliche Interpretation der Parabel den Totalpazifismus der Alten Kirche, der sich auf Christi Gewalt ertragendes Leiden (65) gründet, jedoch seit Augustinus‘ „Compelle intrare“ angefeindet wurde.

Nach der Jahrtausendwende fokussiert der Kirchenhistoriker u.a. die „mörderisch intolerante Kreuzzugsideologie“ sowie Ausformungen, autonom als Werkzeug des Standhandelns Gottes aufzutreten und dadurch die Pollution an Heiligen Stätten zu reinigen. Die mit der Missionierung Westeuropas einhergehende Verschriftlichung läutete nicht nur einen ethischen Verinnerlichungsprozess ein, sondern auch Zwangsprozesse, die Überzeugung, Unkraut selbst zu erkennen. Nichtsdestotrotz stellten sich führende Kanonisten auf die Seite der Sarazenen und ihrer Würde als Mensch (77). Aller Gelehrsamkeit zum Trotz sollte die scholastische Ära den offenen Bruch mit der Tradition vollbringen. Der sonst gewissenstolerante Thomas von Aquin rückte vom Gewaltverzicht in seiner „Summa contra gentiles“ ab und rechtfertigte, im Gegensatz zu Petrus Abaelard, die Tötung der Bösen unter bestimmten Umständen (102). Eigeninterpretationen der Parabel und die daraus „zersplitterte Toleranz“ schürte die Gewalt und Verfolgung im Spätmittelalter.

Erschreckenderweise vermochten die reformatorischen Ansätze keine Toleranzreformation herbeizuführen. Luther war Toleranz im modernen Sinne fremd (117). Seine amtskirchliche Kritik zwang ihn, den locus classicus in geistliche und weltliche Sphären aufzuspalten, die radikalreformatorische Bewegung der Täufer zu bekämpfen. Hierbei harmonieren Luther, Calvin und Zwingli mit dem Aquinaten. Herausragende Toleranz-Verteidiger wie Friedrich Spee sowie Strömungen innerhalb des Pietismus und der Dissenters sollten die neutestamentliche Forderung im geistigen Exil lebendig halten, wodurch die Großkonfessionen dem Vorwurf ausgesetzt waren, trotz aller theologischen und lehramtlichen Anstrengung, keine Klarheit erreicht zu haben, um das altkirchliche Verbot der Ketzertötung aufrecht zu erhalten (131).

Im fünften Kapitel illustriert Angenendt den aufklärerischen Anweg der Gewissensfreiheit als „Schrittmacherfunktion für die Freiheit des Individuums“. Toleranz wird fortan unter dem Vorzeichen der „Gewissenstoleranz“ propagiert, ein Entwicklungsprozess, dessen Ursprünge auch in den religiösverbrämten Kriegen des 17. Jahrhunderts zu verorten sind. Gewissen und Religionsfreiheit sind Teil der angeborenen und unverlierbaren Menschenwürde. Das neu definierte Gewissen trug dadurch zum gelingenden Religionsfrieden bei, obgleich ein aufkeimender Deismus dem Atheismus den Weg bereiten sollte, einer Gewissenshaltung, die wiederum Toleranz einforderte (138). Angenendt führt in diesem Kontext die Unkraut-Weizen-Interpretation von Hobbes, Locke, Bayle, Voltaire und Kant an (147-154).

Die postulierte moderne Religionsfreiheit führte zum Konflikt mit Gregor XVI. und zur Enzyklika „Mirari vos“, der entschiedenen Ablehnung jedweder Religions- und Gewissensfreiheit. Lamennais politisch wie religiöses Freiheitskonzept bekannte sich zu den „heiligen Grundsätzen“ der Französischen Revolution, wodurch diese als Eingriff der Politik auf die religiöse Sphäre aufgefasst werden musste. Die Revolutionen von 1830/1848 sollten jedoch in höheren Prälatenkreisen (Ketteler) Eingang finden und in der Pauluskirche die „freundlichen Trennung“ von Kirche und Staat mit dem Dreiklang „Gewissens-, Kultus- und Vereinigungsfreiheit“ grundlegen (161). Mit dem Rückgriff auf die altkirchliche Gewaltlosigkeit und Religionsfreiheit endete im Pontifikat von Johannes XXIII. die „gegenmoderne Trotzphase“ (Sloterdijk). Die einseitige Konzentration auf die degenerative Verweigerungspolitik unterdrückt gegenwärtig auf breiter Ebene ein Relecture kirchlicher Erst- und Frühgeschichte und bringt dadurch den Basso continuo der originär-inhärenten Gewaltlosigkeit abermals zum Verstummen, womit auch die Trennung zwischen Staat und Religion unter verkehrten Prämissen erscheint. Nicht abgerungen, sondern als verdrängte und verschüttete Tradition (165) trug die Kirche Gottes dieses Wissen im NT durch die Zeiten.

Der letzte Abschnitt beleuchtet die Menschenwürde als „Religion der Moderne“ (Durkeim), den säkularen Staat als religiöser Freiheitsgewinn (Horst Dreier). Vom Christentum losgelöst könnten die Menschenrechte auch als Zufallsprodukte wahrgenommen werden, wenngleich ihr quasi-religiöser Charakter ihnen die notwendige Unumstößlichkeit postuliert (173). Mit Habermas wird abschließend das Bild vom Jüngsten Gericht als verdichteter egalitärer Universalismus betrachtet (182), damit die Grenzen der Aufklärung und die „wieder gutmachende Hoffnung zugunsten aller im Leben Gescheiterten, Unterdrückten und Unvollendeten“ fokussiert, wenn „Gott die paradoxe Aufgabe lösen wird, über das Tun und Lassen eines jeden ein Urteil zu sprechen“. Die Toleranz, der Faden der Ariadne im gewaltigen Labyrinth der Menschheitsgeschichte, ist endlich.

Florian Mayrhofer

Angenendt, Arnold: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte“. Toleranz in der Geschichte des Christentums, Aschendorff 2019, 243 Seiten, € 17,90 ISBN: 978-3402132463

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