Vergessener Glaubensschatz

Wie kaum eine andere Glaubenslehre wirft der Ablass ein obskures Licht auf die Katholische Kirche. Vor allem dem partikularistischen Blickwinkel des Jan Hus und Martin Luther verdanken wir unsere gegenwärtige Vorstellung vom Ablass als einem Wesen der Unterdrückung und fiskalem Werkzeug zur Generierung des Kirchenschatzes. Papst Paul VI. versuchte, die angekreidete „Verrechnungsmentalität“ in seiner apostolischen Konstitution „Indulgentiarum doctrina“ (1967) im Lichte Christi zu korrigieren und neu erstrahlen zu lassen, zumal das Zweite Vaticanum den Ablass (aus Zeitgründen) nicht thematisieren konnte. Mit dem Terminus „indulgentia“ schlägt der Pontifex die Brücke zur Gnade, der wohlwollenden, freiwilligen Zuwendung, als singuläre Quelle des Nachlasses zeitlicher Sündenstrafen und damit auch zur daraus resultierenden Umkehr und Beichte. Indem Papst Franziskus im Heiligen Jahr 2015 das mitfühlende Angesicht des Vaters in den Mittelpunkt  gestellt hatte („Misericordiae vultus“), öffnete er mit seinem „Pontifikat der Barmherzigkeit“ auch einer spezifisch katholischen Frömmigkeitsübung beinahe die Tür zur Salonfähigkeit. Allein für das neue Gotteslob (2013) kam dieser Umschwung zu spät. Dessen Glossar erwähnt nicht einmal den Allerseelenablass und spiegelt somit den Zusammenhang von Gebet und Glaube wider. Lex orandi, lex credendi. Die Kirche betet so, wie sie glaubt.

Frei nach dem Sprichwort: „Abusus non tollit usum“ – „Missbrauch hebt den [rechten] Gebrauch nicht auf“ behandelt Peter Düren den Ablass in Lehre und Praxis. Dazu erläutert der Theologe kurz die Entstehung der Ablasspraxis aus den frühmittelalterlichen außersakramentalen Lossprechungen, mit denen die Barmherzigkeit Gottes auf einzelne Personen herabgerufen wurde, um später auf die einzelnen Ablässe einzugehen. Seine prägnante Sprache ermöglicht es, den Unterschied zwischen schwerer und leichter Sünde, Schuld und Strafe allgemein verständlich darzulegen. In diesem Duktus hätte Düren auch ältere Ablassbestimmungen (Jahre, Tage, Quadragenen) berichtigen können, zumal diese in bestimmten Kreisen anhaltend verbreitet werden. Alle Ausführungen folgen dabei einer inneren Systematik und fußen auf dem aktuellen kirchlichen Lehramt. Mit Fingerspitzengefühl nähert er sich dem Reinigungsort und den „Armen Seelen“. Für sie zu beten und Ablässe zu ersehnen sei Zeichen einer „übernatürlichen Liebe“, ein Werk der Barmherzigkeit. Gerade im fürbittenden Gebet erfüllt sich das allgemeine Priestertum der Gläubigen (vgl. LG 50).

Der Hauptteil des Buches (56-260) ist kalendarisch den einzelnen Ablässen gewidmet, sodass uns ein Gebetsbuch, ein Schlüssel zur Gottes Barmherzigkeit vorliegt. Nach Angabe der vollkommenen Ablässe, die täglich zu gewinnen sind, zu ihnen zählen weit verbreite Frömmigkeitsübungen (Anbetung, Rosenkranz, Schriftlesung, Kreuzweg), benennt Düren die vollkommenen Ablässe im Jahreskreis des kirchlichen Lebens. Ablässe zu besonderen Anlässen (Tauftag, Exerzitien, Primiz oder päpstlicher Segen) vervollständigen das Gebetsbuch. Das dritte und letzte Kapitel bietet eine theologische Beleuchtung des Läuterungsorts der Geretteten (267-302), den Luther abfällig als ein „Gespenst des Teufels“ bezeichnet. Peter Düren schließt mit seiner Publikation (4. Auflage) eine klaffende Marktlücke innerhalb der christlichen Spiritualität und liefert ein Vademekum für das persönliche Gebetsleben.

Florian Mayrhofer

Düren, Peter Christoph: Der Ablass in Lehre und Praxis. Die vollkommenen Ablässe der katholischen Kirche, Dominus-Verlag 4. Auflage 2013, 319 Seiten, € 19,80 ISBN: 978-3940879264

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