Zum Genozid an den Armeniern

Der Völkermord an den Armeniern ist ein konstitutives Kapitel in der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Während die Völker Europas im Stellungskrieg ausbluteten, dezimierten Osmanische Truppen mit einer systematischen Deportations- und Vernichtungspolitik die christlich-armenische Minderheit in ihrem Herrschaftsgebiet. Vornehmlich zum Zweck der Selbstverteidigung gegen die russlandaffinen Armenier wurde ein rassisch-religiöser Genozid betrieben, der nicht nur die geistig-geistliche Elite der Armenier ausradierte (90% des Klerus wurden getötet), sondern darüber hinaus 2 Millionen Armenier das Leben kostete. Die Massaker nach der Kollaboration im russisch-türkischen Krieg 1877/78 bildeten dazu den Auftakt.

Zum 100. Jahrestag forcierte der Deutsche Bundestag und die christlichen Kirchen in Deutschland eine breitenwirksame Debatte. Resolutionen und Bußgottesdienste sollten das eigene Schweigen zum Völkermord debattieren, denn als Bündnispartner der Osmanen waren die deutschen Botschafter und Konsuln Augenzeugen der Tragödie. Sie verabsäumten es nicht, Berichte nach Berlin zu entsenden. Über die landesweit durchgeführten Deportationen kabelte Botschafter Hans von Wangenheim  nach Berlin: „Dieser Umstand, und die Art, wie die Umsiedelung durchgeführt wird, zeigen, dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.“ (23) Reichskanzler Bethmann-Hollwegs Worte spiegeln die zynische  Siegesverbissenheit dieser Zeit wider: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“ (43)

Der vorliegende Beitragsband widmet sich neben den historischen Grundlagen des „Großen Frevels“ (11-53), so die zeitgenössische armenische Umschreibung für den Genozid im Ersten Weltkrieg, auch des innerdeutschen Erinnerungsdiskurses und des zivilgesellschaftlichen Anerkennungsengagements (55-146) sowie außerarmenischer Perspektiven (147-180). Parallel zu den Entwicklungen in der Weimarer Republik obsiegte auch in Atatürks Türkei eine Aufarbeitung unter den falschen Vorzeichen. Diffamierungen wurden laut, von „anatolischem Dolchstoß“, „Verrat“ oder den „Juden des Orients“ war die Rede. Semantische Parallelen, die in Deutschland zu einem weiteren Genozid führen sollten. Im Jahr 1919 beauftragte das Auswärtige Amt Johannes Lepsius, den weltweit bekanntesten promarmenischen Aktivisten, um Akten aus dem diplomatischen Schriftverkehr zum Genozid zu editieren und so weitere erdrückende Reparationszahlungen zu verhindern. 1989 konnte jedoch der Journalist Wolfgang Gust Interpolationen nachweisen, mit denen eine deutsche Beteiligung am Völkermord verschleiert wurde. Lepsius war protestantischer Theologe, Orientalist, aber auch Politiker und „Kind seiner Zeit“. Leider verabsäumt der entsprechende Artikel konkrete „Mittäter“ (165) oder Aktionen anzuführen. Der Fußnotenverweis auf Wolfgang Gusts Publikationen ist jedoch vorhanden. Dergestalt stünde Franz Werfels Lepsius-Bild, das im fünften Kapitel seines historischen Romans „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ (publ. 1933) zum Ruhm des Theologen beitrug,  auf tönernen Füßen. Ein interessantes Detail liefert die habilitierte Frankfurter Historikerin Katharina Kutner mit der Randnotiz zur unterschiedlichen Erinnerungskultur in Ost- und Westdeutschland. Im Gegensatz zu BRD, die im Gefolge der NATO die Türkei als geopolitischer Partner stabilisieren wollte, entstanden in der DDR bilaterale kulturelle Kontakte zur armenischen Sowjetrepublik und somit auch zu Lepsius und dem latenten Genozid. Mit diesem Hintergrund ist auch die politische Debatte von 2015 im Deutschen Bundestag zur Armenier-Resolution verständlich. Sowohl „Die Linke“ (SED/PDS) als auch das „Bündnis 90/Die Grünen“ und mit ihnen der damalige Bundespräsident und vormalige DDR-Bürgerrechtsaktivist Joachim Gauck traten als politische Avantgarde für die explizite Titulation des „Völkermords“ ein. Dass selbst zu diesem Zeitpunkt die türkische Regierung mit Protestnoten reagierte und den Botschafter abberief, ist ein weiteres Indiz für die Leugnung historischer Tatsachen.

Sämtliche Beiträge stammen aus den Erträgen einer öffentlichen Veranstaltungsreihe in der Frankfurter Bildungsstätte „Anne Frank“ zwischen Februar und Mai 2015 „100 Jahre Leugnung“ und beschäftigen sich vordergründig mit der Erinnerungskultur in der deutschen Migrationsgesellschaft. Darüberhinaus liefern sie einen historischen, politischen und sozialen Zugang zum „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“ (Patriarch Karekin II.), dem moralischen Versagen Europas am Vorabend des Zweiten Weltkriegs.

Florian Mayrhofer

Kunter, Katharina u.a. (Hg.): 100 Jahre Leugnung. Der Völkermord an den ArmenierInnen, Aschendorff Verlag 2017, 183 Seiten, € 19,80 ISBN: 978-3402131886

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